Dies mal erwischte Reini seine kleine Schwester, ihr Lieblingskleid zerriss, und Tante Gabi stürzte zweieinhalb Stockwerke tief ins Parterre. Sie landete auf ihrem Hintern und erfuhr erst Jahre später, dass sie mal einen Steißbeinbruch erlitten haben musste. Eine Zeit lang war mein Vater auch als Kauke bekannt. Diesen Spitznamen hatte er von den Pfadfindern. Bei ihnen machte Reini, so wie vorher schon sein älterer Bruder Wolfgang, ein paar Jahre mit.
Einmal, auf Tour, warteten die Pfadfinder hungrig und durstig darauf, daß etwas zu essen oder trinken hereinkomme, als die Tür aufging. "Da kommt Kauke", riefen sie, weil sie auf Kakau hofften. Es war mein Vater, der hereinkam. Seinen Spitznamen hatte er damit weg. Auch zum Skifahren fuhr mein Vater, die Familie hatte ja genug Geld. Einmal ist er am Piz Palü rumgedüst; ich glaube, davon gab oder gibt es sogar ein Foto.
Gegen Ende des Krieges machte Onkel Wolfgang, nun wieder als Panzerfahrer, eine der letzten deutschen Offensiven Richtung Plattensee mit. Ein Panzer mußte jetzt jeweils ein bis zwei andere hinterherziehen, weil kein Benzin mehr da war. Meine Tante Gabi, seine Schwester, war sehr musikalisch, spielte auf dem Grunerschen Flügel und wollte sich zur Sängerin ausbilden lassen. Soweit ich weiß, wurde der Flügel beim Einmarsch der Russen nach Berlin beschädigt. Gegen Ende des Krieges erteilte sie in Oberschlesien (im Rahmen ihres RAD?) Unterricht; zum Glück war die Lagerführung vernünftig genug, das Lager rechtzeitig aufzulösen und den Mädchen zu empfehlen, sich erfolgreich in den Westen durchzuschlagen. Meine Tante Gabi landete im Voigtland, das als eines der letzten Reichsgebiete von den Amerikanern besetzt wurde, und als nach Kriegsende die Russen hier einzogen, ging dies halbwegs gefahrlos zu. Gabi landete nach ihrer Flucht aus Oberschlesien nach dem Voigtland als erste der Familie wieder in Berlin. Auch wegen der dann besseren Zuteilung von Essensmarken macht sie jetzt als eine der ersten nach dem Kriege Abitur. Sie brachte auch den Vater ihrer Mutter mit einem Schlaganfall zum Bahnhof und war damit die letzte der Familie, die ihn sah. Er starb dann wenig später nach einem neuen Schlaganfall im Heim in Eberswalde. Nicht ganz klar ist mir, wie der Verkauf der Grunerschen Anwesen in Berlin vor sich ging. Ich glaube, es war eine Art Panikreaktion Wolfgangs wegen des Koreakrieges. Der Verkauf wurde auch von ihm durchgeführt, wobei nicht klar ist, wer wieviel von dem Geld sah. Mein Vater jedenfalls war froh, von seinem Anteil am Erlös ein Semester lang leben zu können. Seine Kriegsgefangenschaft - die hatte sein Bruder, der sich schon 1945 über Jugoslawien nach Berlin durchschlug, vermieden - arbeitete er im Kaukasus in einem Bergwerk und erzählte, wie er die in Deutschland demontierten und unabgedeckt neben den Eisenbahnschienen abgestellten Maschienen im Regen verrotten sehen habe. Funktionäre hätten sich im Kaukasus Häuser bauen lassen, die schon bald zusammengefallen seien, weil der Zement dafür nicht in den Mörtel gemischt, sondern verkauft worden sei. Ja ja, die Korruption in Rußland. Er selber hatte seit dem Kriege eine deutlich sichtbare Narbe am rechten Oberschenkel und, wohl als Folge einer Entzündung, eine angeschlagene Leber. Deswegen gab viel später den geliebten Genuß von Rotwein auf, zu rauchen hatte er sich schon vorher abgewöhnt. Nach dem mein Vater wieder aus Russland zurück in Deutschland war, war er schwer depressiv und lebensmüde. Nach kurzer Zeit bei seiner Mutter zog er ein Zimmer neben dem seiner Schwester - die beiden hatten eine enge Beziehung gehabt. Diese musste dann ein mal, als sie nach Hause kam, wie mein Vater bei etwa minus 18 Grad mit nacktem Oberkörper am offenen Fenster stand, um sein Leben zu beenden. Gabi war es auch, die meinem Vater riet, in den Westen zu gehen - an der Ostberliner Universität hatte er als Sohn eines Akade- mikers keine Chance, einen Studienplatz zu bekommen. Das tat er auch; landete in Heidelberg, und wurde dort Freund und Assistent des renommierten Öffentlich-Rechtlers Prof. Forshoff.
Ich war zwei Jahre alt, als er 1957 ans Finanzministeriumin Bonn wechselte; die Familie kam erst 1959 nach. Im Finanzministerium war er lange mit Tarifangelegenheiten betraut. Tarifverhandlungen waren sehr anstrengend, sie dauerten bis spät in die Nacht, und es wurde schrecklich viel geraucht. Seine wichtigsten Vorgesetzten waren Ministerialräte (m/w), und er lernte auch Franz-Joseph Strauß als Finanzminister kennen und schätzen.
Meine Mutter blieb bei ihm. Ich war noch nicht lange zuhause, da kam ein Anruf von ihr, daß er gestorben sei, als sie selber gerade eingeschlafen sei. Am nächsten Tage sah ich ihn noch einmal. Ich weiß nicht mehr, ob er da schon seinen Johanniterumhang anhatte, in dem er auch begraben wurde. Er war Johanniter-Ehrenritter aus Überzeugung gewesen. Den Fall der innerdeutschen Grenze verpaßte er um ein paar Monate; jedoch war er überzeugt, daß etwas Ähnliches eher früher als später einmal passieren würde.
Casino. Wenn er seine Frau dorthin mitnahm, nahm sie zur Sicherheit genug Geld für die Rückfahrt mit. Er verdiente ja genug für solche Marotten. Er hatte Geliebte und die Ehe mit meiner Großmutter Helene zerbrach. Nach seiner Scheidung wollte er zunächst eine Gräfin heiraten - dies scheiterte jedoch, da es für sie die Trennung von ihren drei Kindern bedeutet hätte - dann ließ er sich mit dem Kindermadchen von Wolfgang und Reinhard, die anders als Gabi bei ihm lebten, mit Dora Giesselmann ein; jedenfalls war meine Großmutter entsetzt, als sie das Hausmädchen in einer ihrem Mäntel herumlaufen sah. Gekrieselt hatte es schon länger, und nach jedem Fremdgehen hatte er ihr einen neuen Pelzmantel geschenkt. Beide hatten sich mehrfach heftig gestritten. Ich glaube, meine Tante Gabi war ein geplantes Produkt von Versöhnungsbemühungen meiner Großeltern.
Die beiden hatten fünf Kinder: Robert "Robi" (* 1885) wanderte in die USA aus und ging dort verschollen, Ernst (*1887 CO, + 1961 oder 1965) wurde Arzt (ich wurde ~ 1995 Erbe seiner Nachfahrin Ingeborg Roßbach), mein Großvater Otto (s. O.), Erich (1892 - 1914) fiel im ersten Weltkriege und Elsa (verh.) v. d. Herberg (+1979). Ursprünglich aber war Familie Gruner aus Jena gekommen und hatte schon dort der Oberschicht angehört. Dies entdeckte ich in alten, handschriftlichen Unterlagen, die ich nach dem Tode meines Vaters fand. 1990 fuhr ich in die schon offene "DDR" und fand im Jenaer Stadtarchiv folgende aufschlußreiche Urkunde von 1604. Ihre Geburten und das Geblute dabei fand sie widerlich. Ihr letztes Kind Elsa, rotblond, bekam sie ungewollt. Elsa sollte erst einen Grafen heiraten, bekam dann aber nur einen einfachen von (der Herberg) ab, der am Suff starb. Jedenfalls war sie wohl temperament- und anspruchsvoller als ihr Mann, der eher bescheiden lebte. Dieser meinte zu den Umbrüchen nach dem Verlust des ersten Weltkrieges: Das ist zerstört, und das ist auch gut so. Von ihr habe ich gehört, daß sie bisweilen wutent- brannt mit einem Messer hinter ihren halbwüchsigen Söhnen hergerannt sei. Jetzt will mir dies niemand mehr bestätigen. Gegen Ende ihres Leben, im Altenheim war Adele fast blind, und bat ihre Enkelin Gabi: Beschreibe mir, wie Du aussiehst; ich kann nur noch Umrisse erkennen. Zu ihr berichtete meine deutlich ältere Cousine Sielvie K., *Gruner: ... Adele litt bis zu ihrem Lebensende unter der Zwangsidee, dass ihr im Ersten Weltkrieg gefallener jüngster Sohn Erich womöglich an russischen Waffen aus der Fabrikation der Familie San Galli zugrunde gegangen sein könnte. Ansonsten vertrat sie mit Vehemenz reaktionäre Positionen, die sie mit vielen der Angehörigen aus dem Großbürgertum teilte ... ... durch einen Brief von Adele, in dem sie ihren Hass auf die Roten äußert (die ihren Vater als Kapitalisten verrecken lassen hatten) und fast schon blind ist. Und: Die steinalte, vogelgesichtige Urgroßmutter lernte ich 1951 als 8-Jährige kennen: Sie hatte den Krieg in Coburg bei Verwandten ihres Mannes Ernst Gruner verbracht und lebte die letzten Jahre in einem vornehmen Altenstift in Kehl, bis sie ein Jahr später mit 88 Jahren starb. Einen Eindruck von der alten Zeit vermittelte unsere einzige Begegnung, auf die uns mein Vater vorbereitet hatte. Nach dem obligatorischen Knicks bzw. Diener mussten wir der alten Dame die Hand küssen. "Das erwartet sie von euch", so mein Vater, bei dem die Großmutter Adele noch immer über eine ungeheure Autorität verfügte. Sein Vater Otto war in seiner Kindheit vielfach mit seiner Mutter Adele nach Petersburg gereist, wo er die Ferien in dem Haus in der Ligovskaja 62 verbrachte. Adele saß, nein thronte, kerzengerade in einem Erker am Ende ihres großen hellen Raumes direkt vor dem Fenster. Ich erzählte ihr von einer grün-weiß gestreiften Pflanze, die ich im Treppenhaus entdeckt hatte, und die "wie ein Wasserfall aussah". Ihr gefiel mein Einfall, und sie lief eilends am Stock in das Treppenhaus, um mir kurz darauf die Pflanze eigenhändig zu überreichen. Herrschaftlich hatte sie über das Stiftseigentum verfügt, ohne auch nur zu fragen. Urgroßmutter Adele Gruner war eine
leidenschaftliche Frau, sie verfügte über das Feuer
und die tiefschwarzen Augen ihrer italienischen Vorfahren. Auch
ihr heftiges, zuweilen jähzorniges Temperament wurde ihrer
"italienischen Abstammung" zugeschrieben. Je nachdem
verhieß diese Gutes oder Schlechtes. Sie war als junge
Frau wegen einer nicht standesgemäßen Liaison in Petersburg
zu einer Verwandten nach Coburg in Deutschland geschickt worden,
um dort auf andere Gedanken und zur Einsicht zu kommen. Doch
kaum hatte sie ihrer Leidenschaft entsagt, stürzte sie sich
kopfüber in die nächste Liebelei mit einem Mann, der
ein ihr entgegen gesetztes Temperament verkörperte und Inbegriff
eines nüchternen, selbst beherrschten Menschen war, wie
alle Gruners ... Ihre Mutter, 19 Sophie Schiffers, kam meines Wissens aus Moskau und ihre Familie entstammte, wie mir gesagt wurde, wie die ihres Mannes aus Stettin.
Seltsamerweise soll die Familie Schiffers sehr arm gewesen sein, der Vater soll dort vielleicht sogar im Armenhaus gehaust haben. Dies wurde Adele dann im Falle von Konflikten vorgehalten. (mehr zur Familie San Galli in St. Petersburg auf Englisch & San Galli / St. Petersburg) Kommen wir nun aber zu der Familie der Mutter meines Vaters, die ja viele Jahre bei uns lebte. Ich beginne mit einem Foto, dass sie (ganz links) mit ihren Eltern, Brüdern und ihrer Schwester zeigt. ![]() Die Frau meines Großvaters Otto Gruner (4) war 5 Helene Schrader, in jungen Jahren eine echte Schönheit und etwas redseelig. Sie war Tochter eines Pfarrers in Rathenow und Premnitz. Dieser, 10 Hans Schrader, hatte in seinem Pfarrhaus einige Mädchen untergebracht, die dort wie in einer Art Internat lebten. Helene (5) half dort unterrichten und erhielt wohl (zumindestens angeblich) eine Ausbildung als Lehrerin. ![]() Käthe & Helene Schrader ca. 1903; sowie Helene (vorne li.) ca. 1914 (bei der Hochzzeitsfeier?) mit Otto Gruner im Garten ihrer Eltern, hinten ihre Eltern und stehend ein Bruder, der dann im Krieg fiel. Mir wurde erzählt, Otto und Helene hätten sich dort - vielleicht sei Otto wegen seines juristischen Refrendariats hier gewesen - beim Tennisspiel kennengelernt und verliebt. Einmal seien sie mit ihren Fahrrädern an der Spree langgefahren. Aus "Dafke" seien sie sehr dicht nebeneinander gefahren, fast in einer Art Kampf. Dabei hätten sich die Fahrräder verhakt und die beiden seien zu Boden gestürzt. In ihrer Jugend war Omi eine ausgesprochen schöne, beredsame und bisweilen aufbrausende junge Frau. Es konnte passieren, das junge Männer, die sie besuchten, vom Geigenspiel ihrer Schwester Katharina, meiner Großtante Käthe, bezaubert wurden und "zu ihr überliefen". Schon vor dem Kriege war sie eine begeisterte
Autofahrerin. Doch wurde ihr Opel Olympia ziemlich zu Beginn
des zweiten Weltkrieges requiriert. Aber eine tapfere Frau war meine Omi schon.
Nach Kriegsende gab sie Nachhilfestunden und ging sogar putzen,
um sich besser durchschlagen zu können.
Sie selbst war nach dem Kriege einige Zeit in der DDR-Volkskammer. Ich kannte sie noch, ebenso ihre Tochter (Tante Rosi = Rosemarie Schwenzer). - - - - - - - - - - - - -Es folgen Bruckstücke zu den Eltern meiner Großmutter:
Mein Urgroßvater, Pfarrer Hans Schrader 10 war ein strenger, bisweilen aufbrausender Mann. Mitunter schlug er bei Predigten so heftig mit einer Faust auf die Kanzel, daß die Faust blutete. Er hinkte und ging am Stock; so wurde er auch "Hanz Hinkebein, der Unglücksrabe" genannt. Meine Urgroßmutter Liesbeth 11 starb vor meinem Urgroßvater, und er heiratete nach kuzer Zeit noch eine Gertrud, die er "Trudchen" nannte. In diesen Jahren wurde auch er milder. Seine neue Frau hatte ihm ziemlich unter dem Pantoffel; so sah man ihn in der Küche mit Schürze Kartoffeln schälen. Als mein Urgroßvater erkrankte, wollte die neue Frau ihn zu ihren Eltern abschieben. Aber trotz des Altersuntersschied starb sie vor Hans Schrader. Was war dieser erstaunt, wie viel Geld er nun auf den Konten vorfand! Kurz nach dem Zusammenbruch und zwei Schlaganfällen starb er in Altenheim in Möckern. Meine Urgroßmuter 11 Liesbeth war wie ihr Gatte Pfarrerskind, sehr sparsam und etwas bigott. Einmal war sie entsetzt, als ihr Mann Pfarrer Schrader vom Kinderzeugen redete (immerhin bekam sie - oder hatte sie selbst da schon - auch vier).
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